Studie: Gibt es in Deutschland eine neue Welle von Antisemitismus?

Gibt es in Deutschland eine neue Welle von Antisemitismus? Nein, sagt eine aktuelle Studie vom Berliner Forum für Gewaltprävention. Allerdings beschreibt die Studie einen sich radikalisierenden kulturrassistischen Diskurs, dem jüdische und muslimische Bürger in Deutschland ausgesetzt sind. Dies gilt es, mit allen Mitteln auf allen Ebenen der Gesellschaft zu bekämpfen.

Die Salaam-Schalom Initiative weist als Teil des interkulturellen jüdisch-muslimischen Dialogs in Deutschland die teils polemische Kritik vom American Jewish Comittee an der Studie zurück. Die Salaam-Shalom Initiative unterstützt die Differenzierung zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus, wie sie seitens der Autoren der Studie unternommen wird. Wir widersetzen uns dem fortwährenden „Abschieben“ von Antisemitismus auf Muslime im Allgemeinen und anti-israelische Proteste im Speziellen.  

Pressemitteilung der Salaam-Shalom Initiative zu der Studie „Antisemitismus als Problem und Symbol – Phänomene und Interventionen in Berlin“ von Michael Kohlstruck und Peter Ullrich, unter der Mitarbeit von Franziska Paul und Jakob Quentin (Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52, 2014)

Im Januar 2015 veröffentlichen M. Kohlstruck und P. Ullrich (Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin) die Studie „Antisemitismus als Problem und Symbol – Phänomene und Interventionen in Berlin“. Herausgegeben und in Auftrag gegeben wurde die Studie von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Die Studie soll die Erscheinungsformen des Antisemitismus in Berlin für die Jahre 2010 bis 2013 darstellen, deren Ursachen erforschen und Leitlinien für seine Bekämpfung umreissen.

Das wohl bedeutenste und gleichwohl umstrittenste Ergebnis der Studie, ist, dass sie im Gegensatz zur medial verbreiteten “neuen antisemitischen Welle”, ausgehend vor allem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, keinen Anstieg von Antisemitismus feststellt. Im Bereich der polizeilich erfassten Straftaten geht die Großzahl antisemitisch motivierter Delikte von Rechtsextremen aus. Kohlstruck und Ullrich gehen differenziert auf die unterschiedlichen (und teils problematischen) Erfassungsmethoden und deren Antisemitismusdefinitionen ein: Antisemitische Ideologien, Gewaltdelikte, Äußerungen und Argumentationsmuster werden im Zusammenhang ihres jeweiligen sozio-politischen und historischen Kontextes analysiert.

Im Anschluss an die Veröffentlichung der Studie äußerte das American Jewish Committee scharfe Kritik an der Studie. Die Wissenschaftler nähmen die Ängsten und Sorgen von Juden in Deutschland nicht ernst, und räumten diesen keine ausreichende Bedeutung ein, so die Pressemitteilung des AJC. Anstatt Antisemitismus „zu benennen und zu bekämpfen“, verfange sich die Studie in einer Analyse und „Wegerklärung“ des Phänomens. Zudem, legitimiere die Studie Antisemitismus, wenn sie Feindschaft gegenüber Juden unter Palästinensern beispielsweise auf deren unmittelbare Betroffenheit im Nahostkonflikt zurückführe.

Die Salaam-Shalom Initiative unterstützt die Herangehensweise und Ergebnisse der Studie, und distanziert sich hiermit von der seitens dieser Institutionen geäußerten Kritik.

Des Weiteren unterstützt die Salaam-Shalom Initiative die Differenzierung zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus, wie sie seitens der Autoren der Studie unternommen wird. Der Antisemitismus einer christlich sozialisierten, deutschen Mehrheitsgesellschaft ist in politischer, soziologischer und historischer Hinsicht grundsätzlich von antisemitischen Elementen in der Kritik an der israelischen Politik zu unterscheiden. Prinzipiell  denken wir nicht, dass der Hinweis z.B. auf die persönliche, unmittelbare Betroffenheit von hier lebenden Palästinensern Antisemitismus legitimiert, sondern im Gegenteil den fundamentalen Unterschied zwischen kulturrassistischem Antisemitismus und politisch motivierter Kritik an der israelischen Politik herausstellt: Während außer Frage steht, dass antisemitische Motive in letztere Kritik Einzug halten, so können wir, als jüdische Mitglieder der  der Salaam-Shalom Initiative, diese Motive nicht zum Anlass nehmen, palästinensische Kritik pauschal zu de-legitimieren: Wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die palästinensische Zivilbevölkerung für die vermeintliche Sicherheit des jüdischen Staates einen immensen Preis zahlte und weiterhin zahlt. Das Anerkennen der persönlichen Betroffenheit von Palästinensern in Bezug auf den Konflikt legitimiert dementsprechend keinen Antisemitismus, sondern ist eine fundamentale Voraussetzung für den Dialog und das Zusammenleben in Berlin.

Die Salaam-Shalom Initiative widersetzt sich dem fortwährenden „Abschieben“ von Antisemitsmus auf Muslime im allgemeinen und anti-israelische Proteste im Speziellen. Zum einen verhindert diese medial und politisch immer wieder wirksam in Szene gesetzte Strategie die Auseinandersetzung der deutschen Mehrheitsbevölkerung mit den eigenen, verinnerlichten und oft unbewusst reproduzierten antisemitischen Argumenten und Motiven. Zum anderen dient diese Strategie der Konstruktion eines fundamentalen Gegensatzes zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinde: Obgleich eine politische Kooperation der Gemeinden beide Seiten stärken könnte, werden sie gegeneinander aufgehetzt: durch die exklusive Verortung von Antisemitismus in der muslimischen Gemeinde werden Juden zu einem Mittel, mit Hilfe dessen die deutsche Mehrheitsgesellschaft sich von dem eigenen anti-muslimischem Rassismus und Antisemitismus „befreit“.

Das Thema „Antisemitismus in der muslimischen Gemeinde“ wird damit per se in einen kulturassistischen Kontext gestellt: Muslime müssen „von uns“, Deutschen und Juden, erzogen werden. Eine Bekämpfung von Antisemitismus sowohl in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, als auch in der muslimischen Gemeinde, wird damit erschwert. Der Kampf gegen den Antisemitismus, wie er von den besagten Organisationen und Institutionen entworfen wird, gefährdet das bereits herrschende Miteinander in Deutschland lebender jüdischer und muslimischer Bürger.

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