Erinnert euch! // Salaam-Schalom @ Kreuzberger CSD

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Armin und Iskandar, Mitglieder der Initiative auf der Kreuzberger CSD-Bühne.

Redebeitrag der Salaam-Schalom Initiative @ Kreuzberger CSD am 27. Juni 2015

Im Judentum gibt es ein religiöses Gebot, das in der Tora niedergeschrieben ist: „Zachor“: Erinnere dich! Es steht in der Tora 36 Mal: „Unterdrücke den Fremden nicht, weil du selbst Fremd in Ägypten warst“. Du erinnerst dich daran, wie fremd zu sein sich anfühlt.

Im arabischen existiert ein Verb mit derselben Wurzel: ذكر. Es kommt im Koran ganz oft vor, immer dann wenn Gott mit den Menschen spricht أفلا تتذكرون  wolltet ihr euch nicht erinnern? nicht bedenken? und an einer anderen Stelle sagt er „Doch erinnern sich nur die Einsichtigen“.

Wir sind heute hier, um das Gebot des Erinnerns zu beleben. Weil wir uns gegen das Vergessen erheben möchten. Hannah Arendt hat mal geschrieben „Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, die sich auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben“.

Lasst uns also ein paar Minuten darauf verschwenden und uns ein paar Gedanken machen. Ich fange mit mir selber an. Vor sechs Jahren kam ich nach Deutschland. Ich dachte, die Zeit sei gekommen offen zu meiner sexuellen Identität als schwuler Mann zu stehen. Ich fühlte mich gezwungen meine muslimische und arabische Identität immer wieder neu zu erfinden, mich immer wieder anzupassen. In den Augen vieler Menschen hier stellte ich ein Rätsel dar. Wie kannst man Schwul und Muslim sein? Die Andersartigkeit, das Gefühl anders zu sein selbst innerhalb der queer-community wurde mir erst von Außen auferleget. Ich musste vieles, zu recht oder unrecht, rechtfertigen, ich musste mich vielen Stereotypen und angefertigten Formaten von Muslim- oder Arabisch-Sein anpassen. Es ging so weit, dass mich einmal jemand fragte: „Und wieso bist du eigentlich aktiv? wegen deiner Religion?“.

Man würde denken, dass Antisemitismus keinen Platz unter Schwulen hat. Das ist natürlich falsch. Ich erinnere mich noch gut an ein Date: Wir saßen in einem netten Kaffe, führten seit zehn Minuten ein ziemlich angenehmes und ruhiges Gespräch, als ich in einem Nebensatz erwähnte, dass ich übrigens jüdisch bin. Plötzlich veränderte sich das Gesicht des jungen Mannes gegenüber. Er stand auf, rief noch „verfickter Jude“ bevor er verschwand. Ich war also gezwungen, für seinen Latte Macchiato zu bezahlen. Juden und Schwule wurden im christlichen Abendland jahrhundertelang gleichermaßen verfolgt. Statt Feindschaft sollten wir ein Bündnis eingehen.

Wir sollen uns hier an die Zeiten als die Queer-Identitäten in den westlichen Gesellschaften und natürlich hier zu Lande aggressiv verfolgt wurden, erinnern. Es waren Jahrhunderte von Diskriminierung, Verfolgung und institutioneller Gewalt. Es ist wahr, dass lesbische und schwule Identitäten heute noch in vielen Teilen der Welt verfolgt werden, und um ihr Leben fürchten müssen, und dass es uns hier, trotz bestehender Probleme, expliziten und latenten Varianten der Diskriminierung, im Vergleich relativ gut geht. Aber eben deswegen sollen wir uns an diese hasserfüllte Geschichte erinnern, die auch hier zulande, bis auf die letzten Jahrzehnten eine Rolle gespielt hat.

Wir, die queer-Community, haben mit den Schwachen und Unterdrückten der Welt etwas Gemeinsames. Wir teilen mit denen zusammen dieselbe Vergangenheit des Ausschlusses, der Ablehnung und Anfeindung der mächtigen Mehrheiten, die sich mit dem Anspruch einer imaginären „Normalität“ erlaubt haben uns als abfällige „Parallele“ Gesellschaft zu brandmarken.

Dass es uns hier heute gut geht, ist kein Grund die Fronten zu wechseln. Von der Gemeinschaft der Unterdrückten rüber zur Seite der Unterdrücker zu gehen, misstrauisch und herabwürdigend auf andere marginalisierte Identitäten zu schauen. Im Gegenteil. Es ist ein Grund zur Selbstreflexion. Zur kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus und zwar innerhalb der Queer-Community. Und genauso wie der alternative CSD hier ein Zeichen gegen Kapitalismus und Konsumismus, gegen mercantilization of the queer case setzt, wollen wir heute ein Zeichen gegen die Gefahr der politischen Instrumentalisierung der Queer-Community setzten. Selbst wenn es um Homophobie geht, dürfen wir uns der Gefahr der Instrumentalisierung nicht aussetzten lassen. Homophobie ist zwar zu bekämpfen, aber sie darf nicht von ihren sozialen und ökonomischen Zusammenhängen getrennt und eindimensional betrachtet werden. In der Bekämpfung der Homophobie, sollen wir sie im Kontext der ungerechten Machtverhältnisse, die sie erzeugt, einbetten.

Wir möchten zur Solidarität aufrufen. Nicht nur mit anderen Queer-Identitäten in anderen Teilen der Welt, in der gleichgeschlechtliche Liebe als ein Verbrechen gilt, sondern vor allem mit allen Unterdrückten, mit allen Marginalisierten und allen ungehörten Stimmen. Es geht uns besser, aber die Jahrhunderte der Unterdrückung wollen wir nicht vergessen. Wir wollen etwas daraus lernen. Und wir wollen diese Lehre auf andere Diskriminierungsformen und rassistischen Erscheinungen übertragen. Nicht nur die Homo-Ehe ist eine queer-issue, für das wir kämpfen müssen. Antisemitismus ist eine queer-issue, für das wir kämpfen müssen. Antimuslimischer Rassismus ist auch eine queer-issue. Das Leiden der geflüchteten und Asylsuchende ist eine queer-issue.

Erinnert euch, wie es sich anfühlte, unterdrückt zu sein – und tut etwas für die Unterdrückten von heute!

 

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