Betuchte Identitäten in verkannter Freiheit (von Büsra Delikaya)

Dieser Text wurde am 29.08.2015 in der Şehitlik-Moschee anlässlich der „Langen Nacht der Religionen“ von Büsra selbst vorgetragen. Mehr Informationen zum Event findet ihr hier: https://salaamschalom.wordpress.com/2015/08/17/kopftuchperspektiven-aus-islam-und-judentum/. Und Büsras Blog ist hier: https://buesradelikaya.wordpress.com

Es begleitet mich schon seit geraumer, seit wirklich langer Zeit auf meinem bisherigen Weg. Baute manchmal Brücken, manchmal brachte sie diese aber zum Stürzen, ohne es jemals willentlich getan zu haben. Schon seit geraumer, seit wirklich langer Zeit ruht es zwischen meinen monotonen Akten am Morgen, ist so selbstverständlich wie das Zähneputzen und die regen Überlegungen vor dem Klamottenhaufen im Kleiderschrank. Mittlerweile ist es schon ein ziemlich unbewusster Griff zum blauen Nadelkästchen auf der Kommode, eine relativ gängige Bewegung des Umbindens all der Tücher vor dem Wandspiegel. Ja, es ist seit geraumer, seit wirklich langer Zeit omnipräsent, doch fühlt es sich meist wie eine Ewigkeit an. Denn das Tuch auf meinem Kopf setzte sich in alle meine Lebenslagen in die Raster all meines Erlebten, all meines Gefühlten und Gesehenen. Ich trage mein Kopftuch seit ich die siebte Klasse besuche; ich war 13 Jahre alt und erinnere mich noch genau an die immense Spannung, die mich am ersten Tag fast schon erdrückte. Sorgfältig suchte ich mir mein Tuch, das erste vor allen anderen aus, schritt mächtig stolz aus der Tür, das erste Mal ohne den sichtbaren Pferdezopf am Hinterkopf. Es war anders als heute, eine kindliche Freude, unkompliziert und bedenkenlos.

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Mein Kopftuch war damals unberührt von all dem Hagel an politischen Stigmata, den so manche Zeit provokanten Konfrontationen, aber auch von einer tieferen Auseinandersetzung. Vermutlich weil ich noch zu jung war, um es zu bemerken. Vielleicht aber auch, weil das Kopftuch sich erst in den letzten Jahren von einem einfachen religiösen Zustand zu einem heiklen Debattenthema entwickelte. Doch eine Sache blieb in den sieben Jahren stets unverändert – der Grund des tagtäglichen Verhüllens meiner Haare. Die beständige Liebe zu Gott.

Vor meinem inneren Auge sehe ich schon das erste unverständliche Kopfschütteln, höre die ersten, dies als schwülstig abtuenden Ausrufe. Doch meine Religion war immer eine bedeutende Parallele in meinem Leben, ein wichtiger Anker, der mir in all den Jahren half alles an Positivem in dieser Welt zu sehen und all dies aus meinem eigenen Wesen zu schöpfen. Der Islam war und ist bei mir immerfort ein Kern gewesen, dessen Hülse ich selbst zeichne. Eine feste und vorgezeichnete Richtlinie, die sich durch das Getümmel meiner Tage schlängelt und mir in häufiger Orientierungslosigkeit den Weg zeigt. Trotz dessen war ich es immer, die entschied, wie ich diese Linie ausschmückte, in welcher Form ich sie auf den Pflastern meines Pfades malte.

Und das Kopftuch, es war ein öffentliches und immer dagewesenes Glaubensbekenntnis. Ein Zeichen für die tiefe Verbundenheit zu meiner Religion, die ich auch gerne zeige, aber vordergründig gerne für mich und meine eigene Freiheit trage. Eine Basis, auf der ich so unglaublich viel mehr aufbaue, als geglaubt wird. Und vor allem: So viel Unterschiedliches.

Das größte Missverständnis, das meinem Kopftuch in dem gesellschaftlichen Spektrum zuteilwird, ist wahrscheinlich die Ausblendung der Individualität, die unter ihm schlummert. Oft werden in den hitzigen Diskussionen um seine Relevanz und Bedeutung all jene Köpfe außen vor gelassen, die vor Diversität strotzen. In denen Ideen und Visionen mannigfacher Natur rauchen, die darauf warten dieses Land zu bewegen, es in bester Weise für das Gemeinwohl der Gesellschaft zu prägen. Dass sie das können, darf keine unausgesprochene Zweifelsfrage bleiben, es gilt dies zu einem selbstverständlichen Fakt zu formen.

Die in kunterbunten Tüchern umrahmten Gesichter rotieren schon lange gen Partizipation, weg vom Abgrund lähmender Passivität. Jemand, der seine Ärmel voll gebündeltem Tatendrang hochkrempelt, darf niemals gezwungen werden, sie wieder abgebrannt runterzuziehen und die ungesehene Kompetenz in sich ruhen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn der Grund so banal wie ein Stück aus dünner Baumwolle ist. Und erst recht nicht dann, wenn in die Fasern dieser Tücher zürnend geladene Worte wie Unterdrückung und Unfähigkeit geschrieben werden. Nein, “Kopftuch“ ist kein Begriff, der eine Menge in einem Zug definieren kann, vielmehr ist es etwas, was die Menge an einem Punkt verbindet, diese dann aber weiterzieht, in völlig verschiedene Richtungen. Jedes Mädchen, jede Frau mit einem Kopftuch ist in ihrem Wesen unterschiedlich. Eine Schnittstelle auf einer Palette, Farbkleckse, auf einem gemeinsamen Fundament, in ihren Formen und Tönen aber wieder so verschieden.

Deutschland und vor allem Berlin ist schon lange müde vom negativ konnotierten Denken, denn Berlin ist Multikulti und Berlin lebt von Multikulti. Wenn jeder zehnte herabwürdigend auf mein Tuch schaut, tut es jeder zweite vollkommen unbekümmert. Wenn ich einmal im Monat einen diffamierenden Spruch abfangen muss, darf ich jeden zweiten Tag eine nette Geste in der U­Bahn in Form von Platzmachern oder freundlich zulächelnden Gesichtern erfahren. Meinen deutschen Freunden ist es egal, was ich trage, genauso wie es mir egal ist, was sie nicht tragen. Und nein, mein Kopftuch ist kein Symbol, mein Kopftuch ist Entscheidung und mein Kopftuch ist Freiheit. Es hat sich nie ausgesucht zweckentfremdet, gegen Frieden instrumentalisiert zu werden. Ich bin mir sicher, ja hege keine Zweifel, mein Kopftuch würde, könnte es das, dies ebenfalls bejahen. Es würde mich vermutlich auch daran erinnern, dass bissige Worte und rissige Freundlichkeit an seiner Stofffläche niemals ankrallen, sondern immer abprallen.

Denn es ist stark, mein Kopftuch, und es ist die Inkarnation meiner bewusst gewählten Entscheidung, ihrer gern gelebten Hoheit. Mein Kopftuch ist bescheiden, möchte sich nicht in den Vordergrund rücken und alle Diskurse auf sich ziehen, gleichermaßen ist es aber auch voller Stolz, nimmt Unter­ und Geringschätzungen nicht Leichtens hin. Es ist schlagfertig in seiner Symbolkraft der Eigenheit und doch schlummert es in friedfertiger, fast schon zurückhaltender Harmonie.

Aber klar, wenn dann mal musternde Blicke fallen, ist auch das kein großes Vergehen. Doch Skepsis und Neugierde sind eine Sache, emotionale Bevormundung und das vorrangige Absprechen eigener Meinungen durch überzeugt skandierte Thesen über diese Entscheidung von mir eine völlig andere. Denn fragende Blicke, die vor allem unter sengenden Sonnenstrahlen im August Richtung meines Kopfes haften bleiben und dann hastig abgewendet werden, sobald man diese erwidert, sind nun schon eine langwierige Gewohnheit geworden, über die ich mich nie beklagte. Denn was ist menschlicher, als Unverständnis auf Sachlagen, die einem bisher fremd waren? Vielleicht ja die darauffolgenden Fragen, das einleitende Nachhaken. Jedenfalls wünsche ich mir das immer und immer wieder. Oft bekam ich auf offener Straße oder aber auch in diversen Seminaren und Vorlesungen Fragen bezüglich meines Kopftuches, und oft wurden sie mit zittriger Vorsicht und distanzierter Haltung gefragt. Die Augen musterten mich unbewusst fragend, ob man nun zu weit gegangen wäre, ob das womöglich ein Fauxpas war. Auf derlei Fragen bemühte ich mich immer mit überschwänglicher Offenheit zu antworten, um die extreme Wichtigkeit und eben auch die absolute Richtigkeit der persönlichsten aller Recherchen zu markieren. Bevor ich versuchen muss schwülstig mitleidigen Blicken auszuweichen und über die ewige Leier der ausgeweiteten Repression meiner selbst die Augen zum Himmel rollen zu müssen, erfreue ich mich über ehrliches Interesse von meinen Mitmenschen. Und nicht immer stoße ich im Nachhinein auf Verständnis, die Stirn bleibt bei einigen weiterhin in viele tiefe Falten gerunzelt, Blicke nach wie vor fragend und durchdringend. Denn nicht jeder versteht, was ich da trage und primär weshalb ich es freiwillig und gerne tue. Doch das ist in jedem Fall kein Grund auf solche Fragen nicht mit der gleichen Geduld und Achtsamkeit zu antworten, wie ich es von meinem Gegenüber bezüglich meiner Entscheidung erwarte. Solange ich die Hebel über die Beschreibung meines Lebens in den Händen halte, kann sie keine noch so überzeugte Zwangsfloskel entreißen.

Die Deutungshoheit sollte immer und überall bei denen liegen, die von sich sagen können, das Gesprochene auch als Gelebtes in ihrem Sein zu wahren. Denn ich als Kopftuchträgerin, kann vermutlich klarer, unverfälscht und genuin, über meine Gefühle während des Tragens sprechen. Und je mehr Menschen aus erster Hand von niemand anderen als denjenigen aufgeklärt werden, die sich das Tuch zwischen jedem einzelnen Morgen und Abend umbinden, und dies dann auf respektable Art annehmen und zumindest versuchen Empathie zu bilden, desto mehr kann sich die Kopftuchdebatte nur gen gesellschaftliches Einverständnis bewegen. Denn auch ich bin mir bewusst, es wäre naiv und womöglich auch äußerst töricht zu erwarten, von jedem Einzelnen für mein Kopftuch pure Akzeptanz zu erhalten. Doch Toleranz ist in meinen Augen ein Indiz für Humanität, ein Instrument, das durch all die Debatten und Diskurse brüchig gewordene Brücken erneut restaurieren kann. Und so oft wie möglich versuche ich mich in die Lage anderer, Außenstehender zu versetzen, die nicht den gleichen Glauben wie ich im Innern tragen, nicht dieselben Vorstellungen von Gott besitzen wie ich. So suche ich während des Erklärens nach den plausibelsten und verständlichsten Worten. Das wissentliche Nachempfinden auf beiden Seiten ist unerlässlich für eine friedliche Einheit, die für immer in großen Unterschieden verweilen wird. In diesen Unterschieden eine Bereicherung und keine Separation zu sehen, liegt einzig und allein an uns. Ob nun Muslim oder nicht, Kopftuchträgerin oder nicht. Weil manchmal ist es doch beruhigend, wie gleich wir alle sind, sodass es niemals zu grell scheint, wie anders wir sind, sodass es nie zu grau scheint.

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Eine Antwort zu Betuchte Identitäten in verkannter Freiheit (von Büsra Delikaya)

  1. Dieter Pehle schreibt:

    ……….. mir gings mal so ähnlich, ich war, wie Du auch. auch sehr von mir selbst ergriffen, als mir in der DDR mein Pionierhalstuch umgewunden wurde.

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