Importierter Hass oder einheimische Angstmache?

Importierter Hass oder einheimische Angstmache?

Über die Konstruktion des antisemitischen Arabers

Stellungnahme der Salaam-Schalom Initiative

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In den letzten Monaten wurde von verschiedenen Seiten die Sorge geäußert, mit den Geflüchteten aus Syrien und dem Irak kämen problematische Einstellungen ins Land. Die Geflüchteten kämen aus Ländern, in denen eine antizionistische Haltung zur Staatsräson gehöre und eine „antisemitischen Kultur“ vorherrsche. Es müsse daher eine „Obergrenze“ aufgestellt, ein Bekenntnis zu Israels Existenzrecht verlangt, und intensiv an der „Integration“ in die sogenannte deutsche Wertegemeinschaft gearbeitet werden.

Die paternalistische Tonart, die den Neuankömmlingen gegenüber angeschlagen wird, zeigt vor allem eins: eine gesellschaftliche Inklusion wird hier nicht ersucht. Vielmehr wird das Bild einer Bedrohung gezeichnet, auf die einzig mit einer von oben durchgeführten Umerziehung geantwortet werden könne.

Darüberhinaus ist die pauschale Unterstellung einer „antisemitischen Kultur“, die die arabischen und/oder muslimischen Geflüchteten vermeintlich „importieren“, überaus zynisch: Die Geflüchteten fliehen vor Gewalt und Elend in ihren Heimatländern und sind hier in Deutschland nicht nur bürokratischen Repressalien ausgesetzt, sondern müssen fast täglich Anschläge auf ihre Unterkünfte und die feindlichen Attacken der Bevölkerung erleben. Im Jahr 2015 zählte die Polizei 880 rassistisch motivierte Gewaltattacken gegen Geflüchtete und Migrant_innen; 2016 dürfte diese Zahl weiter ansteigen. Gleichzeitig wird nach wie vor die überwiegende Mehrheit der polizeilich erfassten antisemitischen Gewalt- und Strafdelikte von Rechtsextremen verübt. Die Verortung von Antisemitismus bei Geflüchteten sagt damit mehr über die Träger_innen dieses Diskurses als über die Geflüchteten aus: Während letztere um ihr Überleben kämpfen, und kaum Interesse an den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden und Jüdinnen haben dürften, geht es manchen in der „Antisemitismus-Bekämpfung“ scheinbar vor allem um die Legitimierung ihrer politischen Einflussnahme: Sie zeigen kein Interesse an der Auseinandersetzung mit den Geflüchteten, die in soziokultureller und religiöser Hinsicht äußerst heterogen sind,  sondern rechtfertigen mit dem „Antisemitismus der Anderen“ eine rigidere Asylpolitik: Als könne man mit einer juristisch ohnehin vollkommen fragwürdigen Obergrenze dem importierten Antisemitismus „gerade noch so“ Herr werden und diese daher unverzichtbar sei.

Diese Argumentation ist umso absurder, als antisemitische Motive, Diskurse und Stigmata grundlegende Bestandteile des von Christentum und Aufklärung geprägten „Abendlandes“ sind. Wer heute eine „antisemitische Kultur“ all jenen zuschreibt, die in den vergangen Jahrzehnten aus muslimisch geprägten Ländern nach Deutschland migriert sind, dem fehlt es an kultureller Selbstaufklärung: Auch weiße, christlich geprägte Deutsche müssen sich ihres Erbes bewusst werden und Rechenschaft ablegen.

Auch die Definition von Antisemitismus, die dieser Argumentation zugrunde liegt, ist fragwürdig: Die selten explizit formulierte Voraussetzung für die Verortung von Antisemitismus bei Geflüchteten ist eine vollkommene Gleichsetzung von Antisemitismus mit jeglicher Kritik am israelischen Staat. Dabei sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Ablehnung der zionistischen Bewegung bis zur Zerstörung des europäischen Judentums durch die Nazis ein wesentlicher Bestandteil jüdischer Diskurse war. Auch wenn dieser Umstand heute gänzlich marginalisiert wird, ist die Existenz einer genuin jüdischen antizionistische Tradition eine historische Tatsache.

Hinzu kommt, dass die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus unweigerlich zu einer Delegitimierung der Geschichte der Palästinenser_innen, und der aus dieser Geschichte entstandenen Ansprüche, führt. Dabei ist selbstverständlich, dass viele der Geflüchteten (und mit Sicherheit jene, die ihre Heimat im Zuge der Kriege in und um Israel verloren haben) eine völlig andere Sichtweise auf diesen Staat haben als diejenigen Deutschen, die sich ihm aus einer historischen Verantwortung heraus per se verpflichtet fühlen. Wenn jedoch heute ein Teil der Geflüchteten den jüdischen Staat ablehnen, so ist diese Ablehnung nicht notwendigerweise Ausdruck von Judenhass: Diese Ablehnung ist Ausdruck und Folge eines politischen Konflikts, in dessen Folge die nicht-jüdische einheimische Bevölkerung Land und Besitz in großem Maß verlor. Es geht um historisch bedingte Ansprüche, um eine bis heute andauernde Besatzung, es geht um nicht-existente Rechtssicherheit in den Autonomiegebieten, um Repressalien, um die Kontrolle von Ressourcen und den Zugang zu diesen.

Der Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist damit in politischer, und soziologischer Hinsicht grundsätzlich von der antizionistischen Haltung einiger Geflüchteter zu unterscheiden: Außer Frage steht, dass antisemitische Motive in eine solche Haltung Einzug halten können – jedoch bedeutet dies nicht, dass jede Kritik am jüdischen Nationalstaats antisemitisch motiviert ist. Die deutsche Zivilgesellschaft, egal ob christlich, muslimisch, jüdisch oder religiös ungebunden, muss Wege finden, sich mit historischem und aktuellem Antisemitismus auseinanderzusetzen, und gleichzeitig der Tatsache Rechnung tragen, dass die palästinensische Zivilbevölkerung für die Sicherheit des jüdischen Staates einen immensen Preis zahlte und weiterhin zahlt.

Wir müssen und wollen Antisemitismus bekämpfen: restlos und bei allen. Jedoch können wir Antisemitismus nicht bekämpfen, indem wir Antizionismus automatisch als Antisemitismus brandmarken, und so im Namen von Jüd_innen historische Narrative von Palästinenser_innen dämonisieren und jenen ihre Leiderfahrungen absprechen. Im Gegenteil: Wir müssen uns gegenseitig zuhören, und die Existenz von mehr als nur einer Perspektive auf den Nahen Osten akzeptieren.

 

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4 Antworten zu Importierter Hass oder einheimische Angstmache?

  1. Goran schreibt:

    DANKE für diesen umgemein wichtigen Solidaritätsaufruf gegen die stigmatisierende Instrumentalisierung dieses Diskurses in Teilen der Mehrheitsgesellschaft.
    Es bleibt trotzdem ein kleines Unbehagen, vielleicht verstehe ich aber auch einfach die Argumentation nicht ganz, aber ist es andersherum nicht auch undifferenziert Kritik an politischen Entscheidungen des Staates Israel mit Antizionismus gleichzusetzen, um diesen zu rechtfertigen? Unter Letzterem verstehe ich eine fundamentale politische Infragestellung des Existenzrechts Israels. Dieses ist aus der Perspektive vertriebener Palästinenser*innen aufgrund des historischen Traumas nachvollziehbar und keineswegs vergleichbar mit der unbedachten europäischen Infragestellung des Existenzrechts in Teilen der radikalen Linken. Trotzdem ist es gerade aus einer selbstaufgeklärten europäischen Perspektive undenkbar das Existenzrecht Israels nach der Shoah in Frage zu stellen, ohne faktisch antisemitisch zu argumentieren. In diesem Sinne ist europäischer Antizionismus keineswegs so leicht abzugrenzen von Antisemitismus, weil er nicht gleichzusetzen ist mit Israelkritik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die genannten historischen Traditionen eines jüdischen Antizionismus nach der Shoah noch eine ernsthafte Rolle gespielt haben, für Arendt oder Adorno wird die faktische historische Alternativlosigkeit zur Staatsgründung überdeutlich. Sie entspringt in ihrer entscheidenden politischen Dynamik vor dem Hintergrund der Shoah ja gerade nicht einem Kolonisierungswillen, sondern einem Überlebenswillen. Antizionismus scheint mir hier vor diesem Hintergrund aber eine Gleichsetzung mit Israelkritik zu suggerieren, die auch problematisch ist, d.h. den Jüd*innen, die nach der Shoah Zuflucht suchten in Israel/Palästina keineswegs gerecht werden kann.
    Dass hier stigmatisierende Projektionen auf arabische Migrant*innen stattfinden und dieser Diskurs intrumentalisiert wird zur Verbrämung der eigenen Rassismen ist dabei sehr deutlich. Deshalb ist hier natürlich die Perspektive zu beachten. Europa trägt die Verantwortung für den Nahostkonflikt, weil sie für die Existenz des Antisemitismus und seiner singulären Verfolgungsgeschichte verantwortlich ist, die als Negativfolie seine Identitätsentwicklung bis weit in den Aufklärungsdiskurs hinein bestimmt, Er wurzelt nirgendwo anders als in seinem eigenen christlichen und aufgeklärten Universalismus, der Anstoß nimmt am Diffferenzrecht des Anderen, der nicht aufgehen will in der vermeintlich menschlich-universalen Hegemonie der Mehrheitsgesellschaft und er spiegelt ein Machtverhältnis, dass die europäischen Gesellschaften nicht unwesentlich strukturiert hat. Niemand ist deshalb weniger legitimiert Nichteuropäer*innen Antisemitismus oder Antizionismus zum Vorwurf zu machen als Europäer*innen, zumal christliche.
    So wenig aus der Perspektive belagerter Palästinenser*innen eine Unterscheidung zwischen Antizionismus und Israelkritik einleuchten mag, so notwendig ist sie moralisch und politisch aus europäischer Perspektive. So überlebensnotwendig ist sie aus israelischer bzw. jüdischer Perspektive unter den historischen Bedingungen der Entstehung des Staates Israel gewesen. Nicht, um die eigene Erblast auf den Rücken anderer abzuladen müssen Europäer*innen diese Differenzierung vornehmen, sondern aus Verantwortung gegenüber der eigenen Wirkungsgeschichte. Genau dies macht den Konflikt ja leider so tragisch. Und niemand ist legitmierter als Ihr das zu kommentieren. Ich wollte einfach nur ein subjektiv empfundenes Ungleichgewicht in der Argumentation zum Ausdruck bringen; Antizionismus ist nicht gleichzustzen mit Israelkritik, zumindest aus europäischer Perspektive.

    • Daniel schreibt:

      Absolut richtig. Ich würde es gerne noch etwas eindeutiger formulieren: Noch problematischer als die Gleichsetzung von Antisemitismus und Israelkritik ist die Gleichsetzung von Israelkritik und Antizionismus, wie er so gut versteckt wie möglich, aber natürlich doch auffällig genug im Text vorkommt:

      „Die selten explizit formulierte Voraussetzung für die Verortung von Antisemitismus bei Geflüchteten ist eine vollkommene Gleichsetzung von Antisemitismus mit jeglicher Kritik am israelischen Staat. Dabei sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Ablehnung der zionistischen Bewegung bis zur Zerstörung des europäischen Judentums durch die Nazis ein wesentlicher Bestandteil jüdischer Diskurse war. Auch wenn dieser Umstand heute gänzlich marginalisiert wird, ist die Existenz einer genuin jüdischen antizionistischen Tradition eine historische Tatsache.“

      Jetzt könnte man natürlich darüber spekulieren, wie um Himmels willen ein Ereignis wie der Holocaust dazu geführt hat, dass es den jüdischen Antizionismus praktisch nicht mehr gibt, bis auf die Meinung einiger Individuen, die auch in Hamas und Hisbollah „progressive Bewegungen“ erkennen können.

      Natürlich ist es daher antisemitisch, das Existenzrecht des Staates Israel infrage zu stellen, und dies ist die Definition des Antizionismus, auch wenn von dieser Seite immer wieder versucht wird den Zionismus in die Bewegung umzudeuten, Spaß an der Unterdrückung anderer Völker zu haben. Was natürlich auch antisemitisch ist. Sorry, aus der Nummer kommt ihr leider so nicht raus.

  2. Daryush schreibt:

    Auch ich bedanke mich vielmals für euer Statement. Und ich stimme euch zu:
    „Wir müssen uns gegenseitig zuhören, und die Existenz von mehr als nur einer Perspektive auf den Nahen Osten akzeptieren.“

    Meiner Meinung nach ist der Nahost-Konflikt schon wesentlich älter, und fängt nicht erst mit dem Zionismus an. Beispielsweise wurden einigen Quellen zufolge Juden von der arabischen Halbinsel vertrieben bzw. unterworfen. Z.B. in Medina:
    http://www.al-islam.org/restatement-history-islam-and-muslims-sayyid-ali-ashgar-razwy/muslims-and-jews
    Die Männer wurden getötet; Frauen und Kinder versklavt. Das empfanden manche Juden irgendwie als bewusst betriebene Auslöschung des jüdischen Glaubens.

    In Khaybar soll wahhabitischen Quellen so etwas ähnliches passiert sein:
    „Messenger of Allah, may Allah bless him and grant him peace, had said, ‚Two deens shall not co-exist in the Arabian Peninsula,‘ and he therefore expelled the Jews from Khaybar.“ – Malik’s Muwatta, Book 45, Number 45.5.18″
    (http://www.authentictauheed.com/2011/07/134-we-shall-never-follow-jews-and.html)

    Und wenn dieser Artikel auf Qantara.de richtig ist stimmt, dann waren in Saudi Arabien dogmatisch-radikale Schriften jahrzehntelang (teilweise sogar als Schulbücher) verbreitet, bevor sie aufgrund politischer Entwicklungen aus dem Verkehr gezogen wurden. Darunter Klassiker wie „Unser Kampf mit den Juden“
    (https://de.qantara.de/inhalt/muslimbrueder-schriften-einst-geschaetzt-jetzt-verfemt).

    Unter dieser Perspektive ist die gegenwärtige Hetze der jüdischen und/oder pro-israelischen Rechten die Angst davor, dass sich die Geschichte wiederholt.
    Oder auch die Angst davor, dass sich die Verheißung erfüllt.
    Denn viele Muslime glauben auch, dass es zur Endzeit einen Endkampf mit den Juden geben wird.
    Beispielsweise finden sich in den Hadith-Sammlungen bei Sahih Muslim Nr. 5200 und Sahih Al-Bucharyy Nr. 2925:
    „Die Stunde wird nicht eintreten, bis die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten und sich der Jude hinter einem Stein und einem Baum verstecken wird. Da sagt der Stein oder der Baum: „O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn!“
    http://www.islam-ebook.de/03.%20Ahadith/Sahih%20Muslim.pdf
    http://islamische-datenbank.de/option,com_buchari/action,viewhadith/chapterno,50/min,20/show,10/

  3. anti3anti schreibt:

    „Dabei sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Ablehnung der zionistischen Bewegung bis zur Zerstörung des europäischen Judentums durch die Nazis ein wesentlicher Bestandteil jüdischer Diskurse war.“
    Das Ergebnis der Ablehnung ist bekannt.

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