Zwischen Antisemitismus und Antimuslimismus

podiumsgespraech

„Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ – riefen Demonstranten auf pro-palästinensischen Kundgebungen im Juli 2014. Kurz darauf schrieben Zeitungen über „importierten Antisemitismus“ und darüber, dass die Nazis von heute nicht mehr „Heil Hitler“ rufen, sondern „Allahu akbar“.

Wir hören und lesen regelmäßig über Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland – obgleich über 90% der antisemitischen Straftaten von deutschen Mehrheitsangehörigen begangen werden. Nach den pro-palästinensischen Kundgebungen meinten einige gar, dass es eine „Lawine von Antisemitismus“ in Deutschland gäbe; andere nennen das Jahr 2014 die „schlimmste Zeit seit dem Holocaust“.

Was ist hier los? Ist Antisemitismus unter Muslimen mit familiären Bezügen zum Nahen Osten tatsächlich weiter verbreitet, als unter anderen religiös-kulturellen Gruppen in Deutschland? Oder liefern uns deutsche Medien einen unguten Cocktail aus routiniertem Muslim-Bashing und spontanem Philosemitismus, um sich aus der historischen Verantwortung für die Shoa zu stehlen?

Diese und weitere Fragen werden bei dem Podiumsgespräch der Salaam-Schalom Initiative am 11. November um 18:00 in der Werkstatt der Kulturen (Wissmanstr. 32, 12049 Berlin-Neukölln) im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2014 diskutiert.

Gäste:

  • Tarek Bärliner, Journalist der Islamischen Zeitung
  • Dekel Peretz, Historiker, Programmorganisator der Synagoge Fraenkelufer
  • Dr. Juliane Wetzel, Antisemitismusforscherin am Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Moderator:

  • Mekonnen Mesghena, Leiter des Bereiches Migration und Diversity in der Heinrich-Böll-Stiftung

Mehr Infos über die Teilnehmenden: https://salaamschalom.wordpress.com/2014/11/06/zwischen-antisemitismus-und-antimuslimismus-die-teilnehmenden/

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Sind Kreuzberg und Neukölln antisemitisch? Juden erzählen

Ein Mann fährt kurz durch Kreuzberg und Neukölln mit einer israelischen Fahne am Auto, wird beschimpft, beschwert sich danach in den Medien über den „Antisemitismus“ der Migranten, und fragt sich, was die Juden und Israelis machen können, die „täglich an Leib und Leben Bedrohten„?

Wir haben (kultur-)jüdische und israelische Mitglieder und Unterstützer unserer Initiative, die in diesen Bezirken leb(t)en, nach ihrer Meinung zu dieser Geschichte gefragt. (Achtung: die hier dargestellten Meinungen sind die persönlichen Meinungen.)

Weitere Statements folgen noch.
Hast du auch eine Meinung zu dieser Geschichte?
Schreib uns!


 

„Eine wichtige Klarstellung: Die israelische Flagge ist ein israelisches Nationalsymbol, also das Symbol eines recht jungen Nationalstaats. Solidarität mit „Juden“ kann man durchaus auch ausdrücken, ohne sich damit zu schmücken – und viele Juden tun sich sehr schwer damit, eine vernünftige jüdische Identität zu entwickeln, die sich nicht nur auf den „jüdischen Staat“ stützt. Andernfalls besteht diese im besten Fall in einer naiven Solidaritätsbekundung für Israel, und einer bedingungslosen Unterstützung seiner Politik, im schlimmsten Fall wird die jüdische Identität und Geschichte auf schädliche Weise ausgenutzt, um eine bereits marginalisierte muslimische / arabische Minderheit immer weiter zu provozieren und zu dämonisieren.“

Gershom (Student der Psychologie)

„Ich als Jüdin und als hebräische Muttersprachlerin fühle mich immer am wohlsten, wenn ich in Nekölln und Kreuzberg bin. Als Einwanderer aus dem Nahen Osten sind genau das die Gegende, wo ich mich am meisten zu Hause fühle.“

Adi Liraz (Künstlerin)

 

„Herr Andrew Walde sollte sich selbst fragen, was sein Motiv war. Wollte er den Einwohnern Neuköllns die Möglichkeit geben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen? Wenn er diese Frage ehrlich beantwortet, wird er feststellen, dass er an dem, was passiert ist, seinen Anteil hat. Dass er hier nicht passives Opfer, sondern auch Akteur ist. Ich habe zum Glück als Deutsche und Israelin nie schlechte Erfahrungen in Neukölln gemacht. Im Gegenteil, gehe ich mit meinem Davidstern in ein arabisches Restaurant oder zum Friseur, bekomme ich sogar manchmal etwas geschenkt – um zu zeigen, dass nicht wir normale Menschen miteinander verfeindet sind, sondern dass es die Politiker sind, die diesen Konflikt anfachen – so wird es mir dann versichert.“

Rebecca Niazi-Shahabi (Schriftstellerin)

 

„In einer Zeit, in der der Staat Israel den Tod von fast 2000 Palästinensern verursacht hat, mit einer israelischen Fahne zu winken, ist eine stumpfe politische Aktion. Gegen diese Geste zu protestieren, ist keine antisemitische Tat. Ich bin ein Israeli und ich unterstütze das Recht gegen diese Aktion zu protestieren – ich würde es auch tun -, ohne gleich als Antisemit zu gelten.“

Uri Keller (Student der Wirtschaftswissenschaft)

„Wenn Sie als Nicht-Israeli und Nicht-Jude mit einer Israelfahne am Auto durch die Gegend fahren, nehmen Sie eine Identität an, die nicht die Ihre ist, und die am Ende nur einen Schluss zulässt: Sie möchten auf der Seite der Opfer stehen, derjenigen, die in der deutschen Geschichte die Opfer waren. Nur die Toten sind vollkommen frei von Schuld, könnte man vielleicht denken. Glauben Sie mir: Ein großer Teil derjenigen, deren Anwalt Sie gern sein möchten, fürchtet den blinden deutschen Philosemitismus, den sauber gewaschenen Bruder des alten Antisemitismus, mehr als die Wut auf Israel und den viel beschworenen und diskutierten muslimischen neuen Antisemitismus. Deutschland kann diese Last nicht einfach an seine Migranten abgeben und sich selbst dadurch reinwaschen. Verantwortung sieht anders aus.“

Alice M. (Übersetzerin)

„Der Autor dieses Berichtes ist entweder sehr naiv oder ein Provokateur. Mit einer israelischen Fahne in Nord-Neukölln herumzufahren, wo tausende Palästinenser leben, die ihre Heimat wegen der israelischen Besatzung verlassen mussten, ist eine Provokation. Er macht das sogar zu einer Zeit, in der die israelische Armee täglich Hunderte von palästinensischen Zivilisten umbringt. Er meint, dass er ein Zeichen gegen Antisemitismus setzt – diese Absicht ist nett, aber er benutzt ein Symbol des Staates Israel, und nicht des Judentums.“

Armin Langer (Rabbinerstudent)

„Wenn Sie Ihren Respekt, Ihre Zuneigung für die Juden zum Ausdruck bringen möchten, dann wäre es ein Anfang, mit den Kindern in der jüdischen Gemeinde zu arbeiten. Wenn Sie bemerken, dass es in Berlin einen Konflikt zwischen Muslimen und Juden gibt, gehen Sie doch besser zu arabischen oder türkischen Kindern, geben Sie ihnen Unterricht, spielen Sie mit ihnen, verbringen Sie dort Zeit. Aber diagnostizieren Sie nicht einfach „Antisemitismus“, ohne auch ein Gegenmittel anzubieten.“

Csaba (Krav-Maga-Trainer)

„Herr Walde hat bisher weder die israelische Gemeinschaft in Kreuzberg-Neukölln kontaktiert noch seine Unterstützung angeboten, was unsere Probleme betrifft. Für uns entsteht so der Eindruck, dass seine „Spritztour“ nichts anderes war als ein provokativer Akt, mit dem er aus islamophoben Gedanken politischen Nutzen ziehen wollte. Die meisten hier lebenden Israelis sind gegen die herrschende Regierung, das Schwenken der Israel-Fahne gehört gewiss nicht zu unseren alltäglichen Beschäftigungen. Sollte es Herrn Walde ernst sein mit seiner Unterstützung der Juden und Israelis hier in der Gegend, stellen wir ihm natürlich liebend gern eine Liste mit unseren genauen Bedürfnissen zur Verfügung.“

Dana Rothschild (Studentin der jüdischen Studien)

„Eine israelische Fahne auf dem Auto stellt für Menschen palästinensischer Herkunft hier in Neukölln eine Provokation dar und sagt überhaupt nichts über Antisemitismus aus. Oft habe ich das jetzt mit wildfremden jungen Herren in der U-Bahn, die mir als Dame mit Stock einen Sitzplatz anbieten, diskutiert.“

Deborah (Beterin der Fraenkelufer-Synagoge)

„In den letzten beiden Jahren hatte ich das Vergnügen, in Neukölln nahe der Boddinstraße, in dem lebendigen und dicht bevölkerten Teil zwischen Hermannstraße und Karl-Marx-Straße zu leben. Als Jüdin und israelische Staatsbürgerin kann ich Ihnen versichern, dass Neukölln tatsächlich eine No-Go-Area ist – und zwar für Rassisten, egal ob es Juden, Muslime oder Christen sind. Es ist sogar so, dass das Leben mit anderen Migranten zusammen hier mir eher das Gefühl gab, zuhause zu sein, mehr, als ich das in jedem anderen Bezirk Berlins hätte fühlen können. Hier habe ich mich in meinem alltäglichen Leben sicher, gut aufgehoben und willkommen gefühlt. Kam es hingegen zu Begegnungen mit deutschen offiziellen Stellen und Institutionen, fühlte ich mich schon häufiger unsicher, respektlos behandelt, ausgeschlossen und als (unwillkommener) Ausländer gebrandmarkt. Im Kontakt mit weißen Mittelstands-Europäern, vor allem mit Deutschen, haben meine Söhne und ich Antisemitismus erlebt (meistens einen „Antisemitismus light“ der Gebildeten). Es spricht für sich, dass Neukölln und andere Gebiete, in denen viele Muslime wohnen, von denjenigen stigmatisiert werden, die dort nicht einmal selbst leben.“

Ruth (Wissenschaftlerin)

„Wenn man bedenkt, dass gerade 2000 arabische Menschen durch israelische Waffen getötet wurden und er mit israelischer Fahne durch einen Bezirk mit großem arabischen Bewohneranteil gefahren ist, ist er eigentlich ziemlich glimpflich weggekommen. Schwer zu sagen wieviel die Reaktionen tatsächlich mit Antisemitismus zu tun hatten und wieviel mit hilfloser Wut auf eine klare Provokation mit Siegeszug-Charakter.“

Shlomit (Kunstpädagogin)